Tessa Kieboom & Kathleen Venderickx (2019). Mehr als intelligent. Hochbegabung als Chance. Paderborn: Junfermann Verlag, ISBN 978-3-95571-748-1.

Die beiden Autorinnen sind gemeinsame Leiterinnen des Kompetenzzentrums für Begabte in Antwerpen sowie Gastprofessorinnen am Lehrstuhl für Begabte an der Universität Hasselt.

In sechs Kapiteln behandelt das Buch folgende Themenbereiche:

  • Was ist Hochbegabung?
  • Hochbegabung und Spitzensport – ein lehrreicher Vergleich
  • Embodios: ein Sprungbrett zu einem reicheren und besseren Leben
  • Die Hochbegabungsmatrix – ein praktischer Leitfaden
  • Embodiotraining: eine einzigartige Erfolgschance
  • Die Erfolgsgesetze eines intellektuellen Talents

Zum Einstieg wählen Kieboom und Venderickx eine überblicksmäßige Auseinandersetzung mit dem Terminus „Hochbegabung“ und lassen schon in diesem ersten Kapitel ihre 20-jährigen Erfahrungen von „Exentra“ (=Expertisezentrum im belgischen Antwerpen) einfließen, das spezialisiert ist auf die Arbeit mit hochbegabten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sowie deren Umfeld.

Hochbegabung wird nicht nur vom kognitiven Standpunkt aus gesehen, sondern auch die „Seinskomponente“ spielt eine Rolle. Diese beschreibt Charakteristika, die Menschen, die mit Hochbegabten leben und arbeiten, mehr Einsicht in deren Denken und Handeln vermitteln. Die Charakteristika der Seinskomponente, die auch den Hochbegabten selbst für ihr Selbstverständnis nützlich sind, umfassen Gerechtigkeitsgefühl, Sensibilität, kritische Einstellung, das „Hochlegen der Latte“ sowie das „Anders-Sein“.

Besonders anschaulich gestaltet ist das zweite Kapitel durch den Vergleich von Hochbegabung und Spitzensport. Während man ein sportliches Talent als Chance wahrnimmt, wird Hochbegabung oft als Problem angesehen. Vor allem zeigen die Verfasserinnen an Hand von Beispielen aus dem Sport, dass der Umgang mit „Verletzungen“ bei intellektuellem Talent, den „Symptomen“ wie z.B. Langeweile, Demotivation, Aggression, Depression usw., aktive Interventionen erfordert wie z. B. Spezialschulen, Förderklassen bzw. Spezialangebote und differenzierten Unterricht.

Das dritte Kapitel ist den „Embodios“ (abgeleitet aus dem Griechischen mit der Bedeutung „Hindernis oder Barriere“) gewidmet, jenen Hindernissen oder Barrieren, die für Hochbegabte eine Hypothek bezüglich ihrer Erfolgschancen darstellen. Die Autorinnen konzentrieren sich auf elf Embodios, die im Text durch Fallbeispiele samt Interventionen vorgestellt werden.  Ein „Embodio“ sticht besonders hervor: „Die leere Toolbox“ (= der leere Werkzeugkasten), da Hochbegabte unter Umständen mit Planung und Strukturierung sowie fehlenden Lernmethoden zu kämpfen haben.

 

In der „Hochbegabungsmatrix“, die als ein praktischer Leitfaden des vierten Kapitels fungiert, lassen sich drei ausgeprägte Typen von Hochbegabten erkennen: der Leistungsorientierte, der Selbständige und der Abhängige. Während ersterer generell hohe Leistungen anstrebt, lehnt letzterer Erfolgsdruck völlig ab; für den Selbständigen muss die zu erbringende Leistung in seinem Interessensfeld liegen.

Auf Grund des großen Erfahrungsschatzes gelingt es Kieboom und Venderickx im fünften Kapitel Copingmechanismen in Form eines „Embodiotrainings“ vor zu stellen, das an ihrem Expertisezentrum in Antwerpen angeboten wird. Die Autorinnen betonen, dass die Grundvoraussetzung für die Überwindung der Embodios in der Bereitschaft der Hochbegabten liegt, an ihren Embodios wirklich zu arbeiten, um die intellektuellen Talente und Potenziale zu nutzen sowohl für das eigene Wohlbefinden als auch gegenüber der ganzen Gesellschaft.

Das sechste Kapitel bilden die sechs „Erfolgsgesetze“ eines intellektuellen Talents. Es wird unter anderem darauf hingewiesen, dass jeder Rückschlag die Gelegenheit bietet, es besser zu machen. Talententwicklung stellt einen Wachstumsprozess dar, der Zeit und Anstrengung erfordert.

Am Schluss des Buches wird die „Opportunity Box of Giftedness“, eine Art Werkzeugkiste, die jederzeit erweiterbar ist, samt dem Expertisezentrum „Exentra“ näher vorgestellt.

 

Das Buch „Mehr als intelligent. Hochbegabung als Chance“ von Tessa Kieboom und Kathleen Venderickx wendet sich an einen großen Leserkreis, der an Informationen bezüglich Hochbegabung und Talententwicklung bei Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen interessiert ist. Die Autorinnen zeigen einerseits dem einzelnen Hochbegabten, wie sein Talent zu einer Erfolgsgeschichte führen kann. Anderseits leiten sie die (unmittelbare) Umwelt an, Talente auf verschiedene Weise zu fördern, wenn auch nicht jede aufgezeigte Maßnahme auf Grund der unterschiedlichen Gesetzeslage auf österreichische Verhältnisse anzuwenden ist. Vor allem durch die vielen Fallbeispiele aus der langjährigen Praxis im Expertisezentrum erwartet die LeserInnen eine sachliche, informative und zugleich abwechslungsreiche Lektüre.

 

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Prof. Mag. Dr. Helene Rucker war Bildungsmanagerin und Bundeslandkoordinatorin für Begabungs- und Begabtenförderung an der PH-Steiermark. Sie ist Lektorin an Pädagogischen Hochschulen und an der Universität Graz mit dem Schwerpunkt Talent- und Persönlichkeitsentwicklung.